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Praxis30.09.2026

Nach dem Stichtag: Warum der Claim-Bestand jetzt eine Dauerposition im Unternehmen ist

Der 27. September 2026 war kein Projektende, sondern der Beginn eines laufenden Prozesses. Was Unternehmen organisatorisch brauchen, damit Nachhaltigkeitsaussagen dauerhaft nachvollziehbar bleiben.

Nicos PohlandOrganisation und Betriebsmodell6 Min. Lesezeit

Viele Unternehmen haben die Monate vor dem 27. September 2026 als Projekt behandelt: Website durchsehen, Broschüren prüfen, kritische Formulierungen anpassen, Haken dran. Diese Lesart greift zu kurz. Maßgeblich für die Anwendung der neuen Vorgaben ist nicht, wann ein Text geschrieben oder eine Verpackung bedruckt wurde, sondern wann gegenüber Verbrauchern angeboten, beworben und präsentiert wird. Damit ist jede neue Kampagne, jede neue Landingpage und jeder neue Beitrag erneut relevant.

Der praktische Unterschied ist erheblich. Ein einmaliges Audit liefert einen Stand. Was Unternehmen brauchen, ist ein Bestand — eine Übersicht darüber, welche nachhaltigkeitsbezogenen Aussagen sie aktuell treffen, wo diese stehen, wie sie eingeordnet sind und wer sie bearbeitet.

Warum Listen in Tabellenform scheitern

In der Praxis beginnt fast jede Organisation mit einer Tabelle. Sie funktioniert für den ersten Durchgang und bricht danach zusammen, weil drei Dinge zusammenkommen: die Zahl der Fundstellen ist größer als erwartet, die Zuständigkeiten liegen in verschiedenen Abteilungen, und die Inhalte ändern sich schneller als die Tabelle gepflegt wird.

  • Marketing verantwortet Kampagnen, Kommunikation den Bericht, Vertrieb die Unterlagen, Produktmanagement die Verpackung.
  • Dieselbe Aussage erscheint in mehreren Kanälen und wird mehrfach, aber unterschiedlich bearbeitet.
  • Nach wenigen Wochen ist unklar, welcher Stand verbindlich ist.

Genau an dieser Stelle verschiebt sich die Aufgabe von der inhaltlichen Bewertung zur Organisation. Es geht nicht mehr nur darum, eine Formulierung zu beurteilen, sondern darum, einen reproduzierbaren Ablauf zu haben.

Was ein belastbarer Ablauf leisten muss

  1. 01Inhalte vollständig erfassen — Website, Social Media, Dokumente, Bilder, Videos, Verpackungen.
  2. 02Relevante Aussagen automatisiert erkennen und ihrer Quelle zuordnen.
  3. 03Aussagen anhand eines dokumentierten Regelwerks einordnen, statt nach Gefühl zu priorisieren.
  4. 04Risiken und Nachweislücken sichtbar machen.
  5. 05Bearbeitung in einem Status-Workflow führen, nicht in E-Mail-Verläufen.
  6. 06Ergebnisse so dokumentieren, dass der Stand zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehbar bleibt.

Nicht nur bestehende Claims analysieren. Neue Claims von Anfang an strukturiert im Blick behalten.

Der organisatorische Kern: Freigabe vor Veröffentlichung

Die wirksamste Veränderung ist unspektakulär: Nachhaltigkeitsbezogene Aussagen werden vor der Veröffentlichung einmal durch denselben Ablauf geführt wie alle anderen freigabepflichtigen Inhalte. Nicht als zusätzliche Instanz, sondern als Schritt im bestehenden Content-Prozess. Wer das etabliert, verlagert Aufwand von der nachträglichen Korrektur in die Entstehung — und dort ist er deutlich geringer.

Entscheidend ist dabei die Dokumentation. Nicht, weil ein Dokument Schutz bietet, sondern weil Nachvollziehbarkeit die Voraussetzung dafür ist, dass eine Organisation ihre eigene Kommunikation erklären kann — intern gegenüber der Revision, extern gegenüber einem Berater.

Von der Analyse zur Arbeit

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